Beiträge von Retrofan im Thema „Sympathie für neue PCs und Antipathie für alte PCs?“

    Ich will beim Antworten mal bewusst vorsichtig sein, weil du ja schon sagtest, dass es dir um Provokation geht. Ab und zu klopfe ich ja auch mal gerne auf den Busch, um zu gucken, wen ich rausscheuchen kann.

    Natürlich ist heutige PC-Technik besser (im Sinne von leistungsfähiger, schneller, sparsamer ...) als alte – alles andere wäre seltsam. Und sie ist für manche Aufgaben alternativlos, meckern nützt also nicht viel. Ich selbst "musste" ja irgendwann auch von 68K und PPC auf gängige Intel-Technik wechseln, als Apple den Schritt machte. Intel hat in seiner Vergangenheit eine Menge Mist gebaut aber eines muss man ihnen lassen: Die auf der israelischen Pentium-M-Technik basierenden Core-CPUs waren und sind ("Desktop"-CPUs betrachtet) einfach ungeschlagen beim Performance-per-Watt-Verhältnis, welches für die heute vorherrschende PC-Bauform (Notebook) wichtig ist. Das war ja dann auch für Apple ausschlaggebend, von IBMs G5-PPCs auf Intels X64 zu wechseln – nicht die reine Leistung, sondern diese im Verhältnis zum Energieverbrauch und Hitzeentwicklung. Also kurz: früher™ war X86 nicht unbedingt die beste verfügbare Technik (und damit auch eher uninteressant) und heute gibt es quasi nichts anderes mehr (wenn man von Mobil- und Embedded-Technik absieht).

    Durch eine andere Entwicklung, nämlich der fortschreitenden Miniaturisierung, werden heutige PCs vielleicht für Sammler späterer Generationen interessanter als die Bastelkisten der 90er und frühen 2000er Jahre. Ich bin zwar kein großer Freund der nicht mehr aufrüstbaren Rechner, wie Microsofts Surface-Geräte oder Apples Retina-MacBooks – aber durch die Unveränderbarkeit ihrer Mini-Patinen und hochwertigen, unterscheidbaren Gehäuse sind sie den klassischen Homecomputern ähnlicher als es die PCs der zwischenliegenden Jahre waren.

    Ich habe keine Abneigung gegenüber alten PCs, sie sind nur zu 99% nicht wirklich interessant, was das Sammeln angeht. Das liegt u.a. daran, dass das Gehäuse meistens keinen Aufschluss darüber gibt, was drinsteckt. Meilensteine der PC-Technik verstecken sich zudem in Details, wie meinetwegen der Einführung eines neuen Bus-Systems oder einer neuen GPU-Technik. Das kann man aber selten mit einem spezifischen PC-Modell verbinden. Daher ist der Spaß an alten PCs denen vorbehalten, die sehr tief in der Materie stecken und alle Soundblasterkarten mit Vornamen kennen. Die meisten Leute empfinden jeden alten Computer als e-Schrott, PCs aber besonders, gerade wegen der Unübersichtlichkeit und Unerkennbarkeit von vielleicht interessanten Details. Es sind halt meistens irgendwelche beige-farbenen oder grauen Kisten von (heute) eher unbekannten Herstellern (Escom, Vobis, Nixdorf, Tulip, Schneider ...) mit irgendwelcher austauschbaren Technik, die "alle anderen" auch hatten. Es fehlt oft das Spezifische, Spezielle. Das meist durch Abwesenheit glänzende Design tut sein übriges.

    Aber trotzdem hat bei mir eine Entwicklung eingesetzt, die ich früher nicht erwartet hätte. Den einen oder anderen PC würde ich mir schon hinstellen. Das sind Geräte, die für eine neue Technik stehen, wie IBMs PS/2-Rechner mit Micro-Channel. Oder eben bestimmte Laptops, weil sie erstens meistens technisch nicht verändert wurden und zweitens teils skurrile Gehäuse hatten. Und Marken sind halt wichtig: IBM ist halt eine "bessere" Marke als Medion oder Vobis. Aber 99% dessen, was so verkauft wurde, war halt gerade in Deutschland NoName/LowName und im langweiligen Blech-Kasten-Design. Damit kann man mich auch heute noch nicht wirklich locken. Aber ein Dutzend interessanter Marken-PCs gibt es sicherlich, die ich mir hinstellen würde.

    Die Sympathie, die du erwähnst, gilt ja meistens damals bekannten MARKEN, wie Commodore, Apple, Atari. Auf dem PC-Sektor waren aber hunderte von "Kistenschiebern" unterwegs. Wen davon hätte man denn "toll" finden sollen? Schon zu der Zeit, als die Geräte aktuell waren, hat doch kaum jemand seinen "Escom" oder "Vobis" geliebt, wie es der Amiga/Atari-Käufer bei seinem Gerät getan hat. Klar, man hat auf dem Schulhof mit Leistungsdaten angegeben aber so eine "Verbindung", wie mit den Homecomputern hat doch kaum jemand aufgebaut. Man hat das Gerät einfach (zum Spielen) genutzt und bei nächstbester Gelegenheit aufgerissen, um die Grafikkarte durch eine bessere zu ersetzen. Oder man hat ganz profan, und ohne Gewissensbisse, beim nächsten Kauf die Marke gewechselt, wenn es vergleichbare Technik für 50 Mark weniger gab. Wenn es damals schon keine "Liebe" für die PCs gab, so muss man sich nicht wundern, dass es auch heute nur wenige gibt, die den alten Geräten etwas abgewinnen können.

    Oft geht es den wenigen Alt-PC-Enthusiasten eher um die Software als um die Hardware. Es geht oft darum, ein bestimmtes Spiel zum Laufen zu bekommen und es dann z.B. im LAN zu zocken. Die Technik bleibt dann aber auch oft austauschbar (oft aufgerissene Bastelrechner mit vergilbten und verbeulten Gehäusen) und Mittel zum Zweck. Wie damals auch.

    Ich sehe also kein Messen mit zweierlei Maß. PCs wurden und werden nicht "geliebt", wie es bei Homecomputern der Fall war. Man nutzt sie für bestimmte Zwecke, sei es, um Skyrim zu zocken oder eben zum Photoshoppen und Videoschnitt. Fast niemand klebt sich Microsoft- oder Lenovo-Aufkleber aufs Auto. Die alten Homecomputer-Marken konnten sich von einander absetzen und über Unterschiede/USPs wirkliche Fans gewinnen. Das blieb den PCs verwehrt.