Die Frau in der Bildmitte blickt Zentimeter an der Kamera vorbei. Sie hat ihre rechte Hand auf die Brust gelegt. Ihre Haare sind kurz und mit Klammern zusammengesteckt. Das Bild von Boris Eldagsen wirkt wie ein melancholischer Schnappschuss der vierziger oder fünfziger Jahre. Doch es ist kein echtes Foto.
Boris Eldagsen hat das Bild mithilfe künstlicher Intelligenz hergestellt und mit Bildgeneratoren mehrfach überarbeitet. Mit dem gefälschten Foto hat Eldagsen den Sony World Photography Award gewonnen, einen der berühmtesten Fotografiepreise der Welt. Doch Eldagsen hat ihn abgelehnt. Er will keinen Preis, er will eine Debatte.
Eldagsen ist ein bekannter Fotograf. Er stammt aus Pirmasens und studierte Kunst in Mainz, Prag und Indien. Seine Kunstwerke stellte er in der ganzen Welt aus. Bei der Erschaffung neuer Bilder mithilfe künstlicher Intelligenz gilt er als Vorreiter.
Eldagsen sagt, er habe sich als «freches Äffchen» beworben, um herauszufinden, ob die Wettbewerbe auf die Herausforderung durch künstliche Intelligenz vorbereitet seien. Das seien sie nicht, sagt er. Der Journalismus werde mit Fake-Dokumenten zugeschüttet, die entweder bewusst manipulativ oder einfach aus Spass produziert würden. «Das ist ein Problem für unsere Demokratie, auf das sie nicht vorbereitet ist. Mir macht das Kummer.»
Eldagsen erhofft sich, mit der Ablehnung des Preises eine Debatte zu beschleunigen, der kaum mehr jemand entkommt.
Die Anzahl der von mit künstlicher Intelligenz generierten Bilder steigt rasant. Bilder von Papst Franziskus in hipper weisser Daunenjacke sorgen für Unterhaltung, gehen viral. Andere wie die vermeintlich gewaltvolle Verhaftung des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Donald Trump oder der Kniefall des russischen Präsidenten Wladimir Putin vor seinem chinesischen Pendant Xi Jinping werden politisch genutzt. Gerade in Zeiten des Krieges.
Die Bildmanipulation wird leichter und niedrigschwelliger
Die Manipulation von Bildern ist keine Neuheit. Seit Jahrzehnten werden Fotos in irgendeiner Form manipuliert. Schon Stalin liess den ungarischen Revolutionär Tibor Szamuely aus einem gemeinsamen Bild mit Lenin retuschieren. Die Ehefrau Maos war nach ihrem Tod auf keinem Bild mehr zu finden. Und auch Adolf Hitler liess Josef Goebbels auf gemeinsamen Fotos verschwinden.
Die Leichtigkeit, mit denen Bilder heutzutage neu geschaffen werden können, ist allerdings neu. Die europäische Polizeibehörde Europol warnt vor dem Missbrauch durch Kriminelle. Die immer besser werdenden Täuschungen böten «düstere Aussichten».
Das menschliche Auge kommt bei der Verifikation kaum noch hinterher
Um die künstliche Intelligenz weiter zu perfektionieren, werden existierende Fotos verwendet und verändert. Mit sogenannten Bildsynthesen können die Bilder neu geschaffen werden. Mit dem blossem Auge sind sie schwer von echten Fotos zu unterscheiden.
Mit der Schaffung solcher Bilder ist Eldagsen in der Szene einer unter vielen. Der bekannte amerikanische Fotograf Michael Christopher Brown präsentiert seit einigen Wochen Bilder, die durch künstliche Intelligenz generiert wurden. Sie zeigen Fidel Castro, Bootsmigranten in Seenot oder Proteste auf den Strassen Havannas. Und: Sie sehen alle echt aus. Auf den ersten Blick.
Wer genauer hinschaut, sieht, dass die Haut der abgebildeten Menschen auf den Bildern von Brown weniger Poren aufweist als echte Haut. Die Gesichter wirken glatter, weicher. Andere Bilder zeigen sogenannte Artefakte.
Artefakte sind Stellen eines Bildes mit Auffälligkeiten. Seltsam verformte Finger, unpassende Ohren oder einfach eine Ansammlung von Pixeln, die kein ganzes Gesicht darstellen. Durch die Artefakte kann das menschliche Auge die Echtheit von Bildern verhältnismässig schnell erkennen. Doch die Häufigkeit von Artefakten nimmt ab. Die Bilder werden immer besser.
«Es gibt nur die Grenze meiner Vorstellungskraft»
Boris Eldagsen sagt, er habe die Jury bereits Wochen vor der Vergabe des World Photography Award darüber informiert, dass es sich bei seinem Werk um ein KI-generiertes Bild handle. Die Jury teilte ihm mit, man habe Eldagsens Teilnahme schliesslich unterstützt. Man habe sich über eine Diskussion im Anschluss an die Verleihung gefreut.
Nach der Ablehnung des Preises habe man die Bemühungen um einen Dialog allerdings eingestellt. Eldagsens Name ist von der Website des Awards verschwunden. Auch auf der Liste der Preisträger fehlt er.
Eldagsen will mit der Kunst KI-generierter Bilder weitermachen. Schliesslich sei das eine bahnbrechende Möglichkeit der kreativen Arbeit. Dem Please login to see this link. sagte er: «Ich brauche keine bestimmte Ausrüstung, keine bestimmten Modelle und keine bestimmten Locations mehr. Es gibt nur die Grenze meiner Vorstellungskraft.»